Es gibt sie immer noch: die blauen Zwerge, die weder Ahnung noch Weitblick haben, um dieses Thema auch nur ansatzweise sachlich zu diskutieren. Stattdessen brüllen sie mit der Selbstüberzeugung eines pubertierenden Halbstarken das Ende der „ideologischen Energiepolitik“ heraus – und sie tun das mit einer solchen blinden Inbrunst, dass man den Impuls verspürt, den Umkehrschluss zu ziehen: Vielleicht sind genau diese blauen Winzlinge mit ihren kleinen Penissen und den blonden Zöpfchen die mit der „ideologischen Energiepolitik“?
Aber wer bin ich, dass ich hier moralische Urteile fälle? Ohne sorgfältige Recherche und harte Fakten wäre ich ja selbst nur so ein kleiner, blauer Zwerg. Und das will ich nicht sein. Ich habe weder einen kleinen Penis noch blonde Zöpfe – also auf zur Wahrheitsfindung.
Und bis hierher ist alles noch von der Kunstfreiheit gedeckt (Liebe Grüße an Danger Dan). Was jetzt kommt, sind Fakten. (Ja, genau die Dinge, mit denen ihr, liebe blaue Zwerge, aufgrund eurer biologischen Limitierungen ohnehin nichts anfangen könnt.) Also: Polemik aus. So wie man es bei AKWs eigentlich auch machen sollte. Und Fakten an.
Kernenergie für Deutschland – eine objektive Erörterung
Stand: August 2026
Kaum eine energiepolitische Frage wird in Deutschland so kontrovers diskutiert wie die Nutzung der Kernenergie. Für die einen ist sie eine klimafreundliche, zuverlässige und flächensparende Energiequelle. Für die anderen ist sie wegen des Unfallrisikos, der radioaktiven Abfälle und der hohen Kosten keine verantwortbare Technologie. Seit der Abschaltung der letzten drei deutschen Kernkraftwerke am 15. April 2023 stellt sich die Frage unter neuen Bedingungen: Es geht nicht mehr nur darum, ob bestehende Anlagen länger betrieben werden sollten, sondern ob bereits abgeschaltete Kraftwerke wieder in Betrieb genommen oder neue Reaktoren gebaut werden sollten.
Eine sachliche Bewertung muss deshalb mehrere Fragen voneinander trennen: Wie sicher ist Kernenergie im Vergleich zu anderen Energiequellen? Welche Kosten entstehen kurz-, mittel- und langfristig? Können abgeschaltete deutsche Kernkraftwerke tatsächlich wieder hochgefahren werden? Welche Abhängigkeiten bestehen bei der Versorgung mit Uran? Wie unterscheiden sich Kernenergie, Windkraft, Photovoltaik, Solarthermie und fossile Energieträger? Und welche Entscheidungen sind gegenüber kommenden Generationen vertretbar?
Die Vorteile der Kernenergie
Der wichtigste Vorteil der Kernenergie liegt in ihrer Klimabilanz. Während des Betriebs eines Kernkraftwerks entstehen tatsächlich fast keine direkten CO₂-Emissionen. Auch wenn Bau, Uranabbau, Brennstoffherstellung, Betrieb und Rückbau berücksichtigt werden, bleiben die Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus vergleichsweise gering. Sie liegen in einer ähnlichen Größenordnung wie bei der Windkraft und deutlich unter denen von Kohle und Erdgas. Die Internationale Atomenergie-Organisation zählt Kernenergie deshalb zu den CO₂-armen Energiequellen. Manch einer fantasiert von “grüner” Energie. Nach ihrer Einschätzung hat die weltweite Kernenergienutzung in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Mengen fossiler Stromerzeugung und damit CO₂-Emissionen vermieden.
Quelle: IAEA: Climate Change and Nuclear Power
Kernkraftwerke können außerdem weitgehend wetterunabhängig große Strommengen produzieren. Sie erreichen üblicherweise eine hohe Zahl von Volllaststunden und können über lange Zeiträume kontinuierlich Strom liefern. Damit unterscheiden sie sich von Wind- und Solaranlagen, deren Erzeugung vom Wetter, von der Tageszeit und von den Jahreszeiten abhängt.
Ein Kernkraftwerk stellt zudem auf vergleichsweise kleiner Fläche eine sehr hohe Leistung bereit. Dieser geringe direkte Flächenbedarf ist insbesondere in dicht besiedelten Industrieländern ein Vorteil. Allerdings benötigt auch die Kernenergie zusätzliche Flächen für Uranabbau, Brennstoffverarbeitung, Leitungen sowie Zwischen- und Endlager.
Hinzu kommt die hohe Energiedichte des Kernbrennstoffs. Die benötigten Uranmengen sind im Verhältnis zur erzeugten Strommenge gering und lassen sich für mehrere Jahre bevorraten. Dadurch sind Kernkraftwerke weniger anfällig für kurzfristige Unterbrechungen der Brennstoffversorgung als Gas- oder Kohlekraftwerke. Die Brennstoffkosten machen nur einen relativ kleinen Teil der gesamten Kosten eines Kernkraftwerks aus.
Kernkraftwerke können schließlich einen Beitrag zur Netzstabilität leisten. Ihre großen Generatoren stellen rotierende Masse, Blindleistung und weitere Systemdienstleistungen bereit. Solche Leistungen können allerdings auch durch Wasserkraftwerke, Speicher, Umrichter, Netzbetriebsmittel und speziell ausgestattete erneuerbare Erzeugungsanlagen erbracht werden. Sie sind kein ausschließliches Merkmal der Kernenergie.
Risiken für Mensch und Umwelt
Im regulären Betrieb ist die Strahlenbelastung für die Bevölkerung gering. Kernkraftwerke unterliegen umfangreichen Sicherheitsanforderungen, Kontrollen und Grenzwerten. Das zentrale Risiko liegt daher nicht im normalen Betrieb, sondern in seltenen, aber potenziell katastrophalen Unfällen.
Moderne Kernkraftwerke sind so ausgelegt, dass einzelne technische Fehler beherrscht werden können. Dennoch kann keine komplexe technische Anlage vollkommen fehlerfrei sein. Menschliches Versagen, Materialfehler, Naturereignisse, Cyberangriffe, Sabotage oder das gleichzeitige Versagen mehrerer Systeme können nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden.
Die Unfälle von Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass schwere Reaktorunfälle große Gebiete kontaminieren, Evakuierungen erforderlich machen und langfristige gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Schäden verursachen können. Bei der Risikobewertung treffen deshalb zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen aufeinander: Statistisch ist die Wahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls gering. Der mögliche Schaden ist jedoch außergewöhnlich groß und kann mehrere Generationen betreffen. Nehmen wir an, in 1000 Jahren würde ein Super-Gau passieren, dann sagt uns aber keine Statistik, keine wissenschaftliche Untersuchung, ob dieser Gau in den ersten 10 oder in der Mitte oder in den letzten 100 Jahren passiert. Es kann uns JEDERZEIT passieren.
Auch die Versicherbarkeit zeigt diese Besonderheit. Nach deutschem Atomrecht liegt die vorgeschriebene Deckungsvorsorge für Reaktoren bei höchstens 2,5 Milliarden Euro. Die wirtschaftlichen Schäden eines katastrophalen Unfalls könnten diesen Betrag um ein Vielfaches überschreiten. Ein Teil des äußersten finanziellen Risikos kann daher nicht vollständig über normale Versicherungen abgedeckt werden und würde im Ernstfall mittelbar die Allgemeinheit treffen.
Quelle: Atomgesetz: Deckungsvorsorge
Allerdings müssen auch die Risiken der Alternativen berücksichtigt werden. Kohle-, Öl- und Gaskraftwerke verursachen nicht nur Treibhausgase, sondern auch Luftschadstoffe. Diese führen kontinuierlich zu gesundheitlichen Schäden und vorzeitigen Todesfällen. Der Klimawandel verursacht darüber hinaus langfristige Schäden durch Hitze, Überschwemmungen, Dürren, Ernteausfälle und den Verlust von Ökosystemen. Die Risiken fossiler Energie treten damit nicht als seltene Katastrophe, sondern dauerhaft und weltweit auf.
Windkraft und Solarenergie haben demgegenüber wesentlich geringere Unfall- und Gesundheitsrisiken. Auch sie sind jedoch nicht folgenlos. Rohstoffgewinnung, Flächenverbrauch, Eingriffe in Landschaft und Natur, die Herstellung der Anlagen und deren spätere Entsorgung verursachen Umweltbelastungen. Diese sind aber im Allgemeinen räumlich und zeitlich besser beherrschbar als eine großflächige radioaktive Kontamination.
Ein weiteres Problem großer thermischer Kraftwerke ist der Kühlwasserbedarf. Kern-, Kohle- und viele Gaskraftwerke wandeln Wärme in Strom um und müssen erhebliche Mengen Abwärme abführen. Bei Hitze, hohen Wassertemperaturen oder niedrigen Flusspegeln kann ihre Leistung reduziert werden müssen. Der Klimawandel kann diese Einschränkungen verschärfen. Wie Ausfall-sicher ist die Energieversorgung dann noch?
Der Atommüll als Generationenfrage
Der langfristig wichtigste Einwand gegen die Kernenergie ist der radioaktive Abfall. Hochradioaktive Brennelemente müssen über Zeiträume sicher von Mensch und Umwelt getrennt werden, die jede normale politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Planung übersteigen.
Deutschland muss nach dem derzeitigen Nationalen Entsorgungsprogramm rund 10.000 Tonnen Uran und Plutonium aus bestrahlten Brennelementen endlagern. Diese sollen in bis zu etwa 1.050 Großbehältern aufbewahrt werden. Hinzu kommen rund 140 Behälter mit hoch- und mittelradioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung im Ausland sowie ungefähr 660.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus Kernkraftwerken, Forschung, Medizin, Industrie und der Schachtanlage Asse II.
Quelle: Bundesumweltministerium: Nationales Entsorgungsprogramm
Für hochradioaktive Abfälle gibt es in Deutschland bislang kein betriebsbereites Endlager. Nach heutiger Planung soll ein Standort etwa um das Jahr 2050 bestimmt werden. Danach folgen Erkundung, Genehmigung, Bau und Einlagerung. Bis zur tatsächlichen Inbetriebnahme werden die Abfälle daher noch über viele Jahrzehnte in Zwischenlagern verbleiben.
Das deutsche Recht verlangt für ein Endlager einen Bewertungszeitraum von einer Million Jahren. Der sichere Einschluss soll nach dem Verschluss passiv und ohne dauerhafte technische Wartung funktionieren. Für die ersten 500 Jahre sollen außerdem Vorkehrungen getroffen werden, die eine Bergung der Abfälle grundsätzlich ermöglichen.
Quelle: Sicherheitsanforderungen für Endlager
Diese Zeiträume machen deutlich, dass Atommüll keine gewöhnliche Entsorgungsaufgabe ist. Heute erzeugter Strom führt zu Verpflichtungen, die unzählige künftige Generationen betreffen. Sie erhalten den Nutzen der heutigen Stromproduktion nicht mehr, müssen aber mit den Abfällen und möglichen Kosten umgehen.
Zur Objektivität gehört auch noch die Feststellung, dass der überwiegende Teil des deutschen Atommülls bereits vorhanden ist. Selbst wenn Deutschland dauerhaft auf Kernenergie verzichtet, bleibt die Pflicht zur sicheren Endlagerung bestehen. Eine zeitlich begrenzte Wiederinbetriebnahme weniger Reaktoren würde das Problem nicht neu schaffen, aber zusätzliche hochradioaktive Abfälle erzeugen. Der Aufbau einer neuen großen Reaktorflotte würde die zu entsorgende Menge dagegen erheblich vergrößern und eine neue Entsorgungsverantwortung begründen.
[Objektivität: Pause] Das übersteigt also deutlich jede Vorstellungskraft der meisen Politikern und Politikerinnen, denn das ist deutlich länger als die 5 Jahre, die man da für einen absurd hohen Pensionsanspruch braucht. [Objektivität: Pause beendet]
Wiederaufarbeitung und zukünftige Reaktorkonzepte können bestimmte Bestandteile des abgebrannten Brennstoffs erneut nutzen und das Volumen einzelner Abfallarten reduzieren. Sie beseitigen das Endlagerproblem jedoch nicht. Auch nach einer Wiederaufarbeitung verbleiben hochradioaktive Stoffe, die sicher gelagert werden müssen. Außerdem entstehen zusätzliche Anlagen, Transporte, Kosten und Risiken der Weiterverbreitung kernwaffenfähiger Materialien.
Woher würde Deutschland das Uran beziehen?
Deutschland besitzt keine wirtschaftlich genutzten Uranminen. Ein Wiedereinstieg in die Kernenergie würde deshalb ebenso wie der Bezug von Öl, Gas und Steinkohle neue Importabhängigkeiten schaffen. Kernenergie ist in Deutschland somit keine vollständig einheimische Energiequelle.
Für eine objektive Betrachtung muss zudem zwischen mehreren Stufen der Lieferkette unterschieden werden: Uran muss abgebaut, zu einem geeigneten Ausgangsstoff umgewandelt, angereichert und schließlich zu Brennelementen verarbeitet werden. Ein Land kann bei einer dieser Stufen relativ unabhängig und bei einer anderen weiterhin von einzelnen Lieferanten abhängig sein.
Nach Angaben der Euratom-Versorgungsagentur stammte das 2025 an europäische Energieversorger gelieferte Natururan zu 36,7 Prozent aus Kanada, zu 20,3 Prozent aus Kasachstan, zu 16 Prozent aus Russland, zu 10,4 Prozent aus Usbekistan, zu 9,4 Prozent aus Australien und zu 5,7 Prozent aus Namibia. Insgesamt kamen rund 46,8 Prozent der europäischen Uranlieferungen aus Staaten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS, allen voran also Russland).
Auch bei der Umwandlung und Anreicherung bestehen Abhängigkeiten. Im Jahr 2025 entfielen etwa 24,4 Prozent der für europäische Versorger erbrachten Konversionsleistungen und rund 22,6 Prozent der Anreicherungsleistungen auf Russland. Rund 72,9 Prozent der Anreicherungsleistungen stammten allerdings bereits aus der Europäischen Union.
Quelle: Euratom Supply Agency: Uranversorgung 2025
Deutschland könnte Uran somit aus politisch vergleichsweise stabilen Staaten wie Kanada und Australien beziehen, aber auch aus Kasachstan, Usbekistan, Namibia oder anderen Produzenten. Eine vollständige Abkopplung von Russland wäre technisch grundsätzlich möglich, würde jedoch den Ausbau alternativer Kapazitäten für Konversion, Anreicherung und teilweise für spezielle Brennelementtypen erfordern.
Ein Vorteil ist die Lagerfähigkeit des Brennstoffs. Die europäischen Versorger verfügten Ende 2025 über Uranbestände, die durchschnittlich für mehr als drei weitere Reaktorbeladungen ausreichten. Versorgungskrisen wirken sich daher weniger unmittelbar aus als bei Gas, das kontinuierlich geliefert werden muss.
Uran bleibt dennoch ein endlicher Rohstoff. Seine langfristige Verfügbarkeit hängt vom Weltmarktpreis, von neuen Lagerstätten, effizienteren Brennstoffzyklen und der weltweiten Entwicklung der Kernenergie ab. Auch der Uranabbau kann erhebliche Umwelt- und Gesundheitsfolgen verursachen, insbesondere wenn Minen in Ländern mit schwachen Umwelt- und Sozialstandards betrieben werden.
Kernenergie erhöht daher die Energiesouveränität gegenüber kurzfristigen Gas- und Kohlelieferungen, schafft aber keine vollständige Unabhängigkeit. Sie verlagert die Abhängigkeit auf andere Rohstoffe, Länder und industrielle Verarbeitungsschritte.
Kurzfristige Kosten
Bei der Kostendiskussion muss zwischen einem bereits laufenden, einem abgeschalteten und einem neu zu bauenden Kernkraftwerk unterschieden werden.
Ein bestehendes und weitgehend abgeschriebenes Kernkraftwerk kann vergleichsweise günstig Strom produzieren. Die hohen Baukosten sind bereits bezahlt, während Brennstoff- und laufende Betriebskosten relativ gering sind. Deshalb können Laufzeitverlängerungen bestehender sicherer Anlagen in anderen Ländern wirtschaftlich attraktiv sein. Die Internationale Energieagentur schätzt die Erzeugungskosten einer zwanzigjährigen Laufzeitverlängerung in Europa auf durchschnittlich ungefähr 45 Euro je Megawattstunde. Voraussetzung ist allerdings eine unabhängige Sicherheitsprüfung und ein technisch geeigneter Zustand.
Quelle: IEA: Kosten von Laufzeitverlängerungen
Diese Rechnung lässt sich nicht auf die inzwischen abgeschalteten deutschen Anlagen übertragen. Sie befinden sich nicht in einer betriebsbereiten Reserve. Eine Wiederinbetriebnahme würde Kosten für Sicherheitsprüfungen, neue Genehmigungen, Brennelemente, Personal, Zulieferverträge, die Wiederherstellung stillgelegter Systeme und die Unterbrechung oder teilweise Umkehr des Rückbaus verursachen.
Wind- und Solaranlagen haben hohe Investitions-, aber sehr geringe laufende Brennstoffkosten. Sie können vergleichsweise schnell geplant und errichtet werden. Photovoltaikanlagen lassen sich innerhalb weniger Monate, größere Windparks meist innerhalb einiger Jahre realisieren, wobei Genehmigungen und Netzanschlüsse den Ausbau verzögern können.
Fossile Kraftwerke besitzen häufig den kurzfristigen Vorteil, dass Anlagen, Infrastruktur und Brennstoffmärkte bereits vorhanden sind. Gaskraftwerke können zudem schnell auf Verbrauchsschwankungen reagieren. Ihre Kosten hängen jedoch stark von Brennstoff- und CO₂-Preisen ab. Kurzfristig können sie günstig erscheinen, wenn Gas oder Kohle preiswert verfügbar sind. In Krisen können die Kosten dagegen sehr schnell steigen.
Mittel- und langfristige Kosten
Neue Kernkraftwerke sind kapitalintensive Großprojekte. Ein großer Teil ihrer Stromkosten entsteht durch Bau und Finanzierung. Je länger Planung, Genehmigung und Bau dauern, desto länger bleibt das eingesetzte Kapital ohne Ertrag gebunden. Bereits kleinere Verzögerungen können deshalb Milliardenkosten verursachen.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme berechnete 2024 für neue Kernkraftwerke in Deutschland Stromerzeugungskosten von etwa 13,6 bis 49 Cent je Kilowattstunde. Die große Spannbreite ergibt sich aus unterschiedlichen Annahmen zu Baukosten, Finanzierung, Auslastung und Betriebsdauer. Kosten der Endlagerung und weitere gesellschaftliche Folgekosten sind darin nicht vollständig enthalten.
Für Photovoltaik-Freiflächenanlagen und Windenergie an Land wurden etwa 4,1 bis 9,2 Cent je Kilowattstunde berechnet. Photovoltaikanlagen mit Batteriespeicher lagen je nach Größe, Standort und Speicherkosten bei ungefähr 6 bis 22,5 Cent. Offshore-Windenergie erreichte etwa 5,5 bis 10,3 Cent. Neue Gas-und-Dampf-Kraftwerke lagen bei ungefähr 10,9 bis 18,1 Cent, Steinkohlekraftwerke bei 17,3 bis 29,3 Cent und Braunkohlekraftwerke bei etwa 15,1 bis 25,7 Cent.
Quelle: Fraunhofer ISE: Stromgestehungskosten 2024
Diese Werte sind wichtig, aber nicht ausreichend. Stromgestehungskosten (saublödes Wort, auch "Levelized Cost of Electricity oder LCOE" sind die Gesamtkosten einer Stromerzeugungsanlage geteilt durch die gesamte Menge an Strom, die sie in ihrem Leben erzeugt) betrachten einzelne Anlagen, nicht die vollständigen Kosten des Energiesystems. Bei einem hohen Anteil von Wind- und Solarstrom entstehen zusätzliche Kosten für Netze, Speicher, Reservekraftwerke, Lastmanagement und Maßnahmen zur Netzstabilisierung. Umgekehrt benötigt auch ein von Kernenergie geprägtes System Netze, Reservekapazitäten für ungeplante Reaktorausfälle, Brennstoffversorgung, Sicherheitsbehörden und Entsorgungsstrukturen.
Kernkraftwerke können ihre Leistung technisch in gewissen Grenzen anpassen. Wegen ihrer hohen Fixkosten sind sie wirtschaftlich jedoch auf viele Volllaststunden angewiesen. In einem Stromsystem mit großen Mengen Wind- und Solarstrom kann es deshalb zu Konflikten kommen: Bei hoher erneuerbarer Erzeugung müsste ein Kernkraftwerk seine Leistung senken oder der überschüssige Strom gespeichert, exportiert oder anderweitig genutzt werden. Mit sinkender Auslastung steigen die Kosten jeder erzeugten Kilowattstunde Kernstrom.
Bei fossilen Kraftwerken liegen die langfristigen Folgekosten vor allem in den Klima- und Gesundheitsschäden. Ein Teil davon wird über den CO₂-Preis erfasst, aber nicht vollständig. Ohne eine erfolgreiche Abscheidung und dauerhafte Speicherung des CO₂ sind fossile Kraftwerke mit dem Ziel der Klimaneutralität nicht vereinbar. Investitionen in neue fossile Anlagen können daher zu verlorenen Vermögenswerten werden oder erfordern später eine Umrüstung auf Wasserstoff (Liebe Grüße an Frau Reiche!).
Bei Wind- und Solaranlagen entstehen langfristig Kosten für Netze, Ersatzinvestitionen, Recycling und den Rückbau alter Anlagen. Solarmodule und Windkraftanlagen haben keine unbegrenzte Lebensdauer. Viele Materialien können jedoch recycelt werden, und die Standorte können nach dem Rückbau grundsätzlich wieder genutzt werden. Es entsteht kein Abfall, der über Jahrtausende bewacht oder über geologische Zeiträume eingeschlossen werden muss.
Finanzierung von Rückbau und Endlagerung
In Deutschland tragen die Betreiber grundsätzlich die Kosten für Stilllegung, Rückbau und die fachgerechte Verpackung der radioaktiven Abfälle. Für Zwischen- und Endlagerung wurde 2017 der staatliche Entsorgungsfonds KENFO eingerichtet. Die Betreiber zahlten insgesamt rund 24,1 Milliarden Euro ein und übertrugen damit die langfristige Finanzierungsverantwortung für Zwischen- und Endlagerung auf den Staat.
Ende 2025 verfügte der KENFO nach eigenen Angaben noch über ein Vermögen von rund 25,6 Milliarden Euro. Einschließlich bereits geleisteter Auszahlungen war das ursprüngliche Vermögen auf einen rechnerischen Gesamtwert von etwa 30,9 Milliarden Euro angewachsen. Der Fonds muss jedoch bis zum Ende dieses Jahrhunderts erhebliche jährliche Ausgaben finanzieren und erhält keine weiteren regulären Einzahlungen der ehemaligen Betreiber.
Quelle: KENFO: Entwicklung des Fondsvermögens
Ob das Fondsvermögen tatsächlich für sämtliche Ausgaben ausreicht, hängt von Kapitalmarkterträgen, Inflation, Dauer der Zwischenlagerung und den tatsächlichen Kosten der Endlager ab. Sollten die Mittel nicht genügen, liegt das verbleibende finanzielle Risiko letztlich beim Staat und damit bei künftigen Steuerzahlern.
Photovoltaik und Windkraft
Photovoltaik und Windenergie sind derzeit die kostengünstigsten Möglichkeiten, in Deutschland neue Stromerzeugungskapazitäten aufzubauen. Sie benötigen keinen Brennstoff, verursachen im Betrieb keine direkten Emissionen und lassen sich kleinteilig oder großflächig errichten.
Photovoltaik kann Dächer, Fassaden, Parkplätze, Konversionsflächen oder landwirtschaftlich doppelt genutzte Flächen erschließen. Ihre größte Schwäche ist die ausgeprägte zeitliche Schwankung. Sie produziert nachts keinen Strom und im Winter deutlich weniger als im Sommer. Batteriespeicher können Tag-Nacht-Schwankungen ausgleichen, sind aber für eine wochenlange winterliche Dunkelflaute nur eingeschränkt geeignet.
Windkraft erzeugt insbesondere im Winter große Strommengen und ergänzt damit die Photovoltaik. Auch sie ist wetterabhängig. Windarme Perioden können große Teile Europas gleichzeitig betreffen. Offshore-Windparks erreichen höhere und gleichmäßigere Volllaststunden, sind aber teurer und benötigen aufwendige Netzanschlüsse.
Ein erneuerbares Stromsystem benötigt daher eine Kombination aus Wind, Photovoltaik, Speichern, europäischen Stromverbindungen, flexiblen Verbrauchern und steuerbaren Kraftwerken. Die Bundesnetzagentur kommt in ihrem Versorgungssicherheitsbericht 2025 zu dem Ergebnis, dass die Stromversorgung bis 2035 gesichert werden kann, wenn erneuerbare Energien und Netze zügig ausgebaut und zusätzliche steuerbare Kapazitäten geschaffen werden. Je nach Entwicklung seien dafür bis zu 22,4 beziehungsweise 35,5 Gigawatt zusätzliche steuerbare Bruttokapazität erforderlich.
Quelle: Bundesnetzagentur: Versorgungssicherheitsmonitoring 2025
Das hat jetzt zwei Bedeutungen: Einerseits kann Deutschland seine Versorgung grundsätzlich ohne Kernkraft sichern. Andererseits genügt es nicht, nur Windräder und Solarmodule zu errichten. Netze, Speicher, Reservekapazitäten und flexible Verbraucher sind zwingende Bestandteile dieses Systems und müssen in die Gesamtkosten einbezogen werden.
Solarthermie
Solarthermie muss getrennt von Photovoltaik betrachtet werden. Photovoltaik erzeugt Strom, Solarthermie dagegen unmittelbar Wärme. Eine Kilowattstunde Solarwärme kann daher nicht ohne Weiteres mit einer Kilowattstunde Kern- oder Windstrom verglichen werden.
Kleine solarthermische Anlagen unterstützen vor allem die Warmwasserbereitung und Heizung von Gebäuden. Größere Anlagen können Wärme in Nah- und Fernwärmenetze einspeisen oder industrielle Prozesswärme erzeugen. Wärmespeicher sind wesentlich günstiger als Stromspeicher, sodass solar erzeugte Wärme zeitlich verschoben genutzt werden kann.
Die Wirtschaftlichkeit hängt stark vom Standort, vom Temperaturbedarf, von der Anlagengröße und von der vorhandenen Wärmeversorgung ab. Für geeignete industrielle Anwendungen ermittelte das Fraunhofer ISE Amortisationszeiten von drei bis acht Jahren, wenn staatliche Investitionsförderung einbezogen wird.
Quelle: Fraunhofer ISE: Solare Prozesswärme
Solarthermie kann einen wichtigen Beitrag zur Wärmewende leisten, aber kein Kernkraftwerk im Stromsystem direkt ersetzen. Umgekehrt wäre es energetisch oft wenig effizient, hochwertigen elektrischen Strom aus einem Kernkraftwerk ausschließlich für niedrige Heiztemperaturen einzusetzen, wenn Solarthermie, Abwärme oder Wärmepumpen verfügbar sind.
Solarthermische Kraftwerke, die aus konzentriertem Sonnenlicht zunächst Wärme und anschließend Strom erzeugen, sind vor allem in Regionen mit sehr hoher direkter Sonneneinstrahlung sinnvoll. Für Deutschland spielen sie wegen der klimatischen Bedingungen kaum eine Rolle.
Können abgeschaltete deutsche Kernkraftwerke wieder hochgefahren werden?
Der häufig verwendete Ausdruck „wieder hochfahren“ vermittelt einen falschen Eindruck. Die deutschen Kernkraftwerke stehen nicht abgeschaltet, aber vollständig betriebsbereit zur Verfügung. Seit dem 15. April 2023 ist ihre gesetzliche Berechtigung zum Leistungsbetrieb erloschen. Inzwischen haben alle deutschen Kernkraftwerke Stilllegungs- und Abbaugenehmigungen erhalten, und der Rückbau wurde begonnen.
Bei den drei zuletzt betriebenen Anlagen Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 wurden die Reaktorkerne entladen. Zugleich wurde mit dem Abbau von Rohrleitungen, Turbinenteilen und Einbauten der Reaktordruckbehälter begonnen. Auch an Bestandteilen der Primärkreisläufe finden Abbaumaßnahmen statt. Die Reaktordruckbehälter und Dampferzeuger sind zwar teilweise noch vorhanden, befinden sich aber nicht mehr in einem für den Leistungsbetrieb konservierten Gesamtzustand.
Bei älteren Anlagen wie Grafenrheinfeld, Philippsburg 2, Grohnde oder Brokdorf ist der Rückbau weiter fortgeschritten. Teilweise wurden Großkomponenten oder Kühltürme bereits demontiert. Andere deutsche Reaktoren sind seit vielen Jahren im Rückbau oder schon vollständig beseitigt.
Quelle: Deutscher Bundestag: Stand des Rückbaus im August 2026
Eine Wiederinbetriebnahme der drei zuletzt abgeschalteten Anlagen ist nicht in jedem technisch denkbaren Sinne unmöglich. Mit ausreichend Zeit und Geld können technische Systeme grundsätzlich rekonstruiert werden. Sie wäre aber kein einfaches Einschalten und kein kurzfristiger Beitrag zur Stromversorgung.
Zunächst müsste der Bundestag das Atomgesetz ändern. Danach wären neue oder umfassend geänderte Betriebsgenehmigungen, aktuelle Sicherheitsnachweise, Prüfungen nach dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik und gegebenenfalls bauliche Nachrüstungen erforderlich. Bereits demontierte Systeme müssten ersetzt, Fachpersonal zurückgewonnen, neue Brennelemente bestellt und Lieferketten reaktiviert werden. Betreiber müssten außerdem bereit sein, die wirtschaftlichen und haftungsrechtlichen Risiken zu übernehmen.
Eine belastbare, unabhängige und anlagenspezifische Untersuchung zu Kosten und Dauer liegt bislang nicht vor. Feste Aussagen, die Reaktoren könnten innerhalb weniger Monate oder zu einem bestimmten Pauschalbetrag wieder ans Netz gehen, sind daher nicht ausreichend belegt. Ebenso wäre die Aussage zu pauschal, eine Wiederherstellung sei physikalisch vollkommen unmöglich.
Sachlich zutreffend ist: Die Wiederinbetriebnahme ist rechtlich derzeit ausgeschlossen, technisch zunehmend aufwendig, kurzfristig nicht verfügbar und wirtschaftlich ungewiss. Mit jedem weiteren Rückbauschritt sinkt ihre Realisierbarkeit. Bei älteren Anlagen käme die Wiederherstellung praktisch einem Neubau unter ungünstigen Bedingungen gleich.
Neubau von Kernkraftwerken
Deutschland könnte grundsätzlich neue Kernkraftwerke bauen, wenn das Atomgesetz geändert und ein entsprechender politischer Konsens hergestellt würde. Dafür müssten jedoch Genehmigungsstrukturen, Fachkräfte, Lieferketten, Finanzierung und Entsorgungskonzepte neu aufgebaut werden.
Neue Großreaktoren könnten frühestens langfristig zur deutschen Stromversorgung beitragen. Internationale Erfahrungen zeigen, dass Bauzeiten und Kosten sehr unterschiedlich ausfallen. Staaten mit kontinuierlichen Bauprogrammen, standardisierten Reaktortypen und staatlich koordinierten Lieferketten können Anlagen schneller und günstiger errichten. Bei westlichen Einzelprojekten traten dagegen häufig erhebliche Verzögerungen und Kostensteigerungen auf.
Das finnische Kernkraftwerk Olkiluoto 3 nahm 2023 nach erheblichen Verzögerungen den regulären Betrieb auf. Es liefert seitdem rund 30 Prozent des finnischen Stroms und soll mindestens 60 Jahre betrieben werden. Es zeigt damit sowohl das Risiko eines sehr langen und schwierigen Baus als auch den langfristigen Nutzen einer schließlich fertiggestellten Anlage.
Quelle: TVO: Olkiluoto 3
Der französische Reaktor Flamanville 3 erreichte Ende 2025 seine volle Leistung – rund 18 Jahre nach Baubeginn. Frankreich plant dennoch weitere Reaktoren, weil Kernenergie den Kern seiner CO₂-armen Stromversorgung bildet und eine umfangreiche industrielle Infrastruktur vorhanden ist.
In Großbritannien soll Hinkley Point C nach aktueller Planung ab 2030 Strom erzeugen. Der Électricité de France (EDF), der große, mehrheitlich staatliche französische Energiekonzern, schätzt die Fertigstellungskosten inzwischen auf etwa 35 Milliarden Pfund in Preisen von 2015. Der britische Rechnungshof weist darauf hin, dass das Projekt voraussichtlich doppelt so teuer wird wie ursprünglich angenommen und sich um ungefähr sieben Jahre verzögert.
Quelle: Britischer Rechnungshof: Kostenrisiken neuer Kernkraftwerke
Diese Beispiele zeigen, dass Kernkraftwerke nach ihrer Fertigstellung über Jahrzehnte große Mengen CO₂-armen Strom liefern können. Sie zeigen aber ebenso, dass einzelne Neubauprojekte ein sehr hohes Finanzierungs- und Terminrisiko besitzen.
Der Blick ins Ausland
Kernenergie ist weltweit keineswegs ein Auslaufmodell. Ende 2024 waren nach Angaben der IAEA 417 Reaktoren mit einer Gesamtleistung von rund 377 Gigawatt in Betrieb. Die IAEA erwartet bis 2050 je nach Szenario einen Anstieg auf 561 bis 992 Gigawatt.
Quelle: IAEA: Internationale Kernenergieprognose
Der Ausbau ist jedoch regional sehr ungleich verteilt. Ende 2024 befanden sich weltweit 63 Reaktoren im Bau. Etwa die Hälfte davon wurde in China errichtet. Von den 52 Reaktoren, deren Bau seit 2017 begonnen wurde, basierten 48 auf chinesischen oder russischen Konstruktionen. IEA: Internationale Entwicklung der Kernenergie
Frankreich setzt weiterhin stark auf Kernenergie und verbindet Laufzeitverlängerungen mit Neubauplänen. Finnland hat mit Olkiluoto 3 einen neuen Reaktor sowie mit Onkalo ein weit fortgeschrittenes Endlagerprojekt. Großbritannien plant mehrere neue Anlagen, übernimmt dafür aber erhebliche staatliche Finanzierungsrisiken. Polen, Tschechien und weitere europäische Staaten bereiten Neubauten vor. Belgien und mehrere andere Länder verlängern Laufzeiten bestehender Anlagen. Italien, Österreich und Deutschland verzichten dagegen weiterhin auf kommerzielle Kernkraft.
China baut Kernkraft im Rahmen einer staatlich gesteuerten Industriepolitik in Serie. Dadurch können Erfahrungen, Personal und Lieferketten von einem Projekt auf das nächste übertragen werden. Die dortigen Bedingungen lassen sich jedoch nur begrenzt auf Deutschland übertragen, weil Finanzierung, Genehmigungsverfahren, Lohnkosten und staatliche Entscheidungsstrukturen anders organisiert sind.
Der internationale Vergleich zeigt daher kein eindeutiges Bild. Kernenergie kann funktionieren und große Mengen CO₂-armen Strom liefern, wenn ein Land über eine dauerhafte industrielle Struktur, standardisierte Anlagen, gesicherte Finanzierung und politischen Rückhalt verfügt. Einzelne Neubauten nach jahrzehntelanger Unterbrechung gehören dagegen zu den schwierigsten und risikoreichsten Infrastrukturprojekten.
Kleine modulare Reaktoren und zukünftige Technologien
Kleine modulare Reaktoren, sogenannte Small Modular Reactors, sollen in Fabriken weitgehend standardisiert gefertigt und anschließend am Standort zusammengesetzt werden. Befürworter erwarten niedrigere Projektrisiken, kürzere Bauzeiten und eine bessere Anpassung an Stromnetze mit hohen Anteilen erneuerbarer Energien.
Bislang fehlt jedoch der breite kommerzielle Nachweis, dass solche Anlagen tatsächlich günstiger Strom erzeugen. Kleine Reaktoren verlieren zunächst einen Teil der Größenvorteile großer Kraftwerke. Die erhofften Kostenvorteile entstehen nur, wenn sehr viele weitgehend gleiche Module gebaut werden. Auch Sicherheits-, Haftungs- und Entsorgungsfragen bleiben bestehen.
Die Internationale Energieagentur sieht ein erhebliches Potenzial für SMR, betont jedoch, dass dafür Kostensenkungen, Serienfertigung, geeignete Regulierungsmodelle und staatliche Unterstützung erforderlich sind. Für die deutsche Energieversorgung der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre stellen sie daher noch keine verlässlich verfügbare Lösung dar.
Auch Kernfusion ist gegenwärtig keine belastbare Option für die Energieplanung. Trotz wissenschaftlicher Fortschritte ist nicht absehbar, wann ein Fusionskraftwerk dauerhaft wirtschaftlich Strom erzeugen könnte. Entscheidungen über Netze, Kraftwerke und Klimaschutz dürfen deshalb nicht auf die Erwartung eines rechtzeitigen kommerziellen Durchbruchs gestützt werden.
Verantwortung gegenüber kommenden Generationen
Eine langfristige Energiepolitik muss unterschiedliche Belastungen künftiger Generationen gegeneinander abwägen.
Die Nutzung fossiler Brennstoffe hinterlässt ein verändertes Klima, zerstörte Ökosysteme und hohe Anpassungskosten. Ein Verzicht auf wirksamen Klimaschutz wäre deshalb gegenüber kommenden Generationen nicht verantwortbar.
Kernenergie vermeidet einen Teil dieser Klimaschäden, hinterlässt aber hochradioaktive Abfälle und ein extrem langfristiges Sicherheitsproblem. Selbst wenn ein geologisches Endlager technisch sicher errichtet wird, müssen Standortwahl, Finanzierung, Wissenserhalt und gesellschaftliche Akzeptanz über viele Jahrzehnte gewährleistet werden.
Wind- und Solarenergie hinterlassen ebenfalls Anlagen, Materialbedarf und Eingriffe in Landschaft und Natur. Diese Folgen sind jedoch größtenteils innerhalb überschaubarer Zeiträume rückbaubar oder korrigierbar. Ihre größte langfristige Herausforderung liegt weniger in den Abfällen als im rechtzeitigen Aufbau eines stabilen, bezahlbaren und wetterunabhängig funktionierenden Gesamtsystems.
Zur Generationengerechtigkeit gehört außerdem die wirtschaftliche Dimension. Weder milliardenschwere Kernkraftprojekte mit unklaren Fertigstellungsterminen noch ein unzureichend geplanter Ausbau erneuerbarer Energien dürfen kommende Generationen mit vermeidbaren Kosten belasten. Entscheidend ist nicht die billigste Einzeltechnologie, sondern ein Gesamtsystem, das über Jahrzehnte sicher, klimaverträglich und finanzierbar bleibt.
Fazit
Kernenergie besitzt unbestreitbare Vorteile. Sie erzeugt große Mengen CO₂-armen Stroms, benötigt wenig direkte Fläche, ist weitgehend wetterunabhängig und kann über Jahrzehnte zur Versorgungssicherheit beitragen. Bestehende, abgeschriebene und sicher betreibbare Kernkraftwerke können wirtschaftlich attraktiv sein. Der internationale Ausbau zeigt, dass viele Länder Kernenergie weiterhin als Bestandteil ihrer Klimaschutz- und Versorgungspolitik betrachten.
Diesen Vorteilen stehen aber erhebliche Nachteile gegenüber: das potenziell katastrophale Unfallrisiko, hohe Bau- und Finanzierungskosten, lange Realisierungszeiten, Importabhängigkeiten bei Uran und Brennstoffdienstleistungen sowie die ungelöste Verantwortung für hochradioaktive Abfälle über nach menschlichem Ermessen kaum vorstellbare Zeiträume.
Für Deutschland ist die Wiederinbetriebnahme abgeschalteter Kernkraftwerke keine kurzfristige Lösung. Der Rückbau hat begonnen, Betriebsgenehmigungen sind erloschen und technische Systeme werden bereits demontiert. Bei den drei zuletzt abgeschalteten Anlagen wäre eine Wiederherstellung grundsätzlich eher vorstellbar als bei älteren Reaktoren. Sie würde jedoch Jahre benötigen, erhebliche Investitionen voraussetzen und einen vollständigen rechtlichen sowie politischen Kurswechsel erfordern. Ob dies wirtschaftlich sinnvoll wäre, kann nur eine unabhängige anlagenspezifische Prüfung beantworten.
Der Neubau großer Kernkraftwerke wäre technisch möglich, könnte aber frühestens langfristig wirken. Unter den heutigen deutschen Bedingungen wären die Kosten- und Terminrisiken hoch, weil industrielle Serienfertigung, aktuelle Betriebserfahrung und ein stabiler politischer Konsens fehlen. Neue Reaktoren würden daher wenig zur Erreichung kurzfristiger und mittelfristiger Klimaziele beitragen.
Für die kommenden zwei Jahrzehnte spricht insgesamt mehr dafür, die verfügbaren Mittel vorrangig in Windkraft, Photovoltaik, Solarthermie, Strom- und Wärmenetze, Speicher, flexible Verbraucher, Energieeffizienz und gesicherte klimaneutrale Reservekapazitäten zu investieren. Diese Maßnahmen können schneller umgesetzt werden und verursachen keine zusätzlichen hochradioaktiven Abfälle. Sie müssen jedoch als vollständiges System geplant werden; der bloße Bau weiterer Windräder und Solaranlagen genügt nicht.
Langfristig sollte Deutschland neue kerntechnische Entwicklungen wissenschaftlich beobachten, ohne ihre zukünftige Wirtschaftlichkeit vorwegzunehmen. Gleichzeitig muss kerntechnisches Fachwissen für Rückbau, Strahlenschutz, Zwischenlagerung und Endlagerung erhalten bleiben. Unabhängig von jeder künftigen energiepolitischen Entscheidung trägt Deutschland bereits heute die Verantwortung, seinen vorhandenen Atommüll sicher zu entsorgen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Kernenergie grundsätzlich „gut“ oder „schlecht“ ist. Entscheidend ist, welche Kombination von Technologien Versorgungssicherheit, Klimaschutz, wirtschaftliche Tragfähigkeit und Schutz von Mensch und Umwelt über viele Generationen hinweg am zuverlässigsten gewährleistet. Nach dem heutigen Stand erscheint ein erneuerbar geprägtes, europäisch vernetztes und durch Speicher sowie steuerbare Kapazitäten abgesichertes Energiesystem für Deutschland als der realistischere und wirtschaftlichere Weg. Kernenergie bleibt international eine relevante Technologie, ist für Deutschland aber weder eine kurzfristige Rettung noch eine einfache Antwort auf die komplexen Herausforderungen der Energiewende.