Gott, Angst und die Gier nach Macht
Wie Religion das Vakuum des Wissens besetzt – und warum ein säkularer Staat überfällig ist
Ich bin Atheist. Nicht, weil ich beweisen könnte, dass es keinen Gott gibt. Nichtexistenz lässt sich nicht überzeugend abschließend beweisen. Ich bin Atheist, weil ich keinen überzeugenden Grund sehe, an einen Gott zu glauben.
Wer behauptet, ein unsichtbares, allwissendes und allmächtiges Wesen habe das Universum erschaffen, beobachte jeden Menschen, bewerte sein Verhalten und entscheide nach seinem Tod über ewige Belohnung oder Bestrafung, stellt eine gewaltige Behauptung auf. Für diese Behauptung fehlen überprüfbare Belege.
„Ich weiß es nicht“ ist deshalb keine Schwäche. Es ist intellektuell ehrlicher als eine erfundene Gewissheit.
Eine Behauptung wird nicht wahr, weil sie alt ist. Nicht, weil Millionen Menschen sie teilen. Nicht, weil sie Kindern beigebracht, in prachtvollen Gebäuden verkündet und von einem Chor besungen wird. Und auch nicht, weil der Staat für ihre Institutionen Steuern einzieht.
Schwurbel mit Tradition bleibt Schwurbel.
Ist Religion ein Vakuum von Intelligenz und Bildung?
Das ist mein Lieblingssatz in diesem Kontext. Der Satz ist verlockend – aber zu einfach. Das muss ich zugeben und versuche daher, der Sache auf den Grund zu gehen.
Es gibt intelligente, gebildete und wissenschaftlich arbeitende Menschen, die religiös sind. Religiöser Glaube ist kein zuverlässiger Intelligenztest. Menschen können in einem Bereich streng logisch denken und in einem anderen Überzeugungen übernehmen, die sie niemals nach denselben Maßstäben prüfen würden. So sind wir Menschen halt.
Religion ist deshalb nicht unbedingt ein Vakuum von Intelligenz. Sie besetzt vielmehr ein Vakuum: dort, wo Wissen fehlt, Kontrolle endet, der Tod Angst macht und Hoffnung gebraucht wird.
Das eigentliche Problem beginnt, wenn dieses Vakuum nicht mehr als Ungewissheit anerkannt wird. Wenn aus einem „Wir wissen es nicht“ ein „Wir kennen Gottes Willen“ entsteht. Wenn aus Trost eine Wahrheit, aus einer Erzählung ein Gesetz und aus persönlichem Glauben ein Herrschaftsanspruch wird.
Religion verlangt häufig eine Ausnahme von den Regeln vernünftiger Erkenntnis. Im Alltag erwarten wir Belege. Bei einem Medikament wollen wir Studien sehen, vor Gericht Beweise und bei einer politischen Behauptung wenigstens überprüfbare Quellen. Bei Gott sollen plötzlich Offenbarung, Überlieferung und persönliches Empfinden genügen.
Glaube bedeutet gerade, etwas auch ohne ausreichenden Nachweis für wahr zu halten. Das darf jeder für sich tun. Einen Anspruch darauf, dass andere diese Behauptung respektieren, finanzieren oder befolgen, begründet es nicht.
Menschen besitzen Würde. Ideen nicht.
Wie Religion entsteht
Religion wurde nicht an einem bestimmten Tag von einem besonders gerissenen Herrscher erfunden. Ihre Entstehung dürfte viele Ursachen haben.
Frühe Menschen erlebten Gewitter, Sonnenfinsternisse, Krankheiten, Geburt, Träume und Tod, ohne deren natürliche Ursachen verstehen zu können. Gleichzeitig ist das menschliche Gehirn hervorragend darin, Muster, Absichten und handelnde Wesen zu erkennen. Das ist für das Überleben nützlich: Wer ein Rascheln im Gebüsch vorsichtshalber für ein Raubtier hält, lebt möglicherweise länger als jemand, der jede Gefahr erst wissenschaftlich untersuchen möchte.
Aus Wind wird ein Geist. Aus Donner der Zorn eines Gottes. Aus einer Krankheit eine Strafe. Aus einem glücklichen Zufall eine Belohnung.
Hinzu kommt das Wissen um den eigenen Tod. Menschen können begreifen, dass sie eines Tages nicht mehr existieren werden – und genau das nur schwer ertragen. Die Vorstellung einer weiterlebenden Seele, eines Wiedersehens mit Verstorbenen oder eines ewigen Lebens ist emotional verständlich. Sie tröstet. Aber Trost ist eben auch kein Wahrheitsbeweis.
Rituale, gemeinsame Mythen und moralische Regeln stärkten zudem den Zusammenhalt von Gruppen. Sie konnten Vertrauen schaffen und die Bereitschaft erhöhen, füreinander Opfer zu bringen. Religionsforschung beschreibt deshalb nicht nur Angst und Unwissen, sondern auch Gemeinschaft, Identität und Kooperation als mögliche Funktionen religiöser Systeme.
Religion war damit Erklärung, Trost, Ritual, Gruppenklebstoff und soziale Ordnung zugleich.
Das erklärt, warum religiöse Vorstellungen entstehen und fortbestehen können. Es beweist nicht, dass sie wahr sind.
Als aus Glauben Herrschaft wurde
Herrschende haben Religion nicht zwingend erfunden. Aber sie haben sehr schnell verstanden, wie nützlich sie sein kann.
Ein weltlicher Herrscher kann infrage gestellt werden. Ein Herrscher „von Gottes Gnaden“ macht aus politischem Widerstand eine Sünde. Ein Gesetz kann kritisiert werden. Ein angeblich göttliches Gebot erklärt Kritik zur Gotteslästerung. Ein Priester kann sich irren. Ein Priester, der für Gott spricht, beansprucht eine Autorität, die sich jeder Überprüfung entzieht.
So entstand eine wirkungsvolle Arbeitsteilung: Die Herrschaft schützte die Religion, und die Religion heiligte die Herrschaft. Wie praktisch.
Eine vergleichende Studie über 93 austronesische Kulturen kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass rituelle Menschenopfer zur Stabilisierung gesellschaftlicher Hierarchien beitragen konnten. Opfer waren häufig Menschen mit niedrigem Status, während Priester und Herrscher die Rituale veranlassten. Die übernatürliche Begründung machte soziale Unterordnung zu einer angeblich kosmischen Ordnung. Das ist kein Beweis für eine universelle Entwicklung aller Religionen, aber ein drastisches Beispiel dafür, wie religiöse Rituale zur Machtsicherung eingesetzt werden konnten. Max-Planck-Gesellschaft: „The dark side of religion“
Besonders praktisch ist dabei die Unsichtbarkeit der religiösen Versprechen und Drohungen. Eine weltliche Regierung muss irgendwann Ergebnisse vorzeigen. Die Belohnung im Paradies wird erst nach dem Tod fällig. Beschwerden über ihre Nichterfüllung sind nicht zu erwarten. Es braucht also auch kein Gewährleistungs-Siegel der EU.
Benimm dich – dann wird es nach dem Tod besser
Viele Religionen verbinden erwünschtes Verhalten mit jenseitiger Belohnung und unerwünschtes Verhalten mit göttlicher Strafe. Wer gehorcht, glaubt, spendet und die vorgeschriebenen Regeln einhält, darf auf Erlösung hoffen. Wer zweifelt, sündigt oder die Gemeinschaft verlässt, riskiert Verdammnis, Wiedergeburt in schlechteren Verhältnissen oder andere übernatürliche Konsequenzen.
Das kann Menschen zu Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Selbstbeherrschung motivieren. Es kann aber ebenso Schuld, Angst und Unterwerfung erzeugen.
Die entscheidende Frage lautet: Wer bestimmt, welches Verhalten Gott angeblich verlangt?
In der Praxis sind es Menschen. Meist Männer. Geistliche, Gelehrte, Herrscher und Institutionen, die Texte auswählen, übersetzen und auslegen. Sie erklären, welche Kleidung erlaubt ist, welche Sexualität sündhaft sein soll, wer heiraten darf, welche Rolle Frauen einzunehmen haben und welche Zweifel noch geduldet werden.
Das angeblich ewige Wort Gottes verändert sich dabei auffällig oft genau dann, wenn gesellschaftlicher Druck groß genug wird. Was jahrhundertelang als unveränderlicher göttlicher Wille galt, wird plötzlich „im historischen Kontext“ gelesen.
Nicht Gott wird liberaler. Menschen zwingen religiöse Institutionen zur Anpassung.
Religion ist nicht die Ursache jedes Krieges
Wer Religion kritisiert, sollte nicht denselben Fehler machen wie religiöse Dogmatiker: eine komplizierte Welt auf eine einzige Erklärung reduzieren.
Kriege entstehen gewöhnlich aus mehreren Ursachen – Macht, Land, Ressourcen, Herrschaft, ethnische Konflikte, soziale Ungleichheit und geopolitische Interessen. Selbst Kreuzzüge und sogenannte Religionskriege waren nicht ausschließlich theologische Auseinandersetzungen. Die These, Religion sei die besondere und alleinige Ursache menschlicher Gewalt, ist in der Forschung umstritten. Harvard Divinity Bulletin: „Does Religion Cause Violence?“
Aber daraus folgt nicht, dass Religion harmlos wäre.
Religion kann Konflikte legitimieren, verschärfen und unlösbarer machen. Aus einem Stück Land wird heiliger Boden. Aus einem politischen Gegner wird ein Feind Gottes. Aus einem Kompromiss wird Verrat am Glauben. Wer glaubt, im Besitz einer absoluten Wahrheit zu sein und im Auftrag einer höchsten Macht zu handeln, braucht mit Andersdenkenden nicht mehr zu verhandeln.
Religion liefert nicht immer den Grund für Gewalt. Aber sie kann ihr eine Fahne, eine Rechtfertigung und ewige Bedeutung geben.
Kreuzzüge, Zwangsbekehrungen, Inquisition, Pogrome, Verfolgung von „Ketzern“, Bestrafung des Glaubensabfalls, religiös begründeter Antisemitismus, Unterdrückung sexueller Minderheiten und die Entrechtung von Frauen sind keine Missverständnisse ohne Bezug zur Religion. Sie wurden mit religiösen Lehren begründet und von religiösen Institutionen getragen oder unterstützt.
Ebenso wahr ist: Auch ausdrücklich antireligiöse Diktaturen haben verfolgt, gefoltert und gemordet. Stalinismus und Maoismus beweisen, dass die Abwesenheit von Religion noch keine humane Gesellschaft erzeugt. Atheismus beantwortet zunächst nur eine Frage: ob man an Götter glaubt. Er ist für sich genommen weder eine Ethik noch eine Demokratiegarantie.
Das gefährliche Gemisch besteht aus absoluter Wahrheit, Feindbildern und unkontrollierter Macht. Religion besitzt dafür keine Exklusivität – aber sehr viel historische Erfahrung.
Hexenverfolgung: keine Erfindung des „finsteren Mittelalters“
Die europäischen Hexenverfolgungen werden häufig ungenau dargestellt. Ihre großen Wellen fanden überwiegend nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit statt, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert.
Auch waren es nicht ausschließlich kirchliche Gerichte, die Menschen verurteilten. In den deutschen Territorien führten vor allem weltliche Gerichte die Prozesse. Verfolgungen fanden in katholischen, lutherischen und reformierten Gebieten statt. Die zugrunde liegende Vorstellung – Menschen könnten mit dem Teufel einen Bund schließen und durch Magie Schaden verursachen – war jedoch zutiefst von christlicher Dämonologie geprägt. Theologen, Prediger, Obrigkeiten, Gerichte und Teile der Bevölkerung schufen gemeinsam ein System aus Aberglauben, Denunziation, Vergewaltigung, Folter und erzwungenen Geständnissen.
Für die damaligen deutschen Territorien werden mindestens 22.000, möglicherweise bis zu 30.000 Hinrichtungen angenommen. Frauen waren überproportional betroffen, aber nicht die einzigen Opfer. German History in Documents and Images: Das bayerische Hexenmandat von 1611
Die korrekte Schlussfolgerung lautet deshalb nicht: „Alle Hexen wurden von der Kirche verbrannt.“ Sie lautet: Religiöser Wahn, staatliche Gewalt, soziale Ängste und ein Rechtssystem ohne wirksamen Schutz der Angeklagten verbanden sich zu einer mörderischen Verfolgungsmaschine.
Gerade diese Verbindung von Dogma und Staatsmacht muss verhindert werden.
Brauchen wir Religion für Moral?
Wenn Menschen nur deshalb nicht morden, stehlen oder foltern, weil sie eine göttliche Strafe fürchten, sind sie nicht moralisch. Sie sind beaufsichtigt.
Moral benötigt keine übernatürliche Instanz. Eine moralische Gesellschaft käme ganz gut ohne Gesetz und Beaufsichtigung klar. Menschen können Leid wahrnehmen, Empathie empfinden, miteinander kooperieren und Regeln für ein gemeinsames Leben entwickeln. Wir können Handlungen danach beurteilen, ob sie anderen schaden, Freiheit beschränken, Würde verletzen oder ein gerechtes Zusammenleben ermöglichen.
Ein altes philosophisches Problem bringt den Widerspruch göttlicher Moral auf den Punkt: Ist etwas gut, weil Gott es befiehlt? Dann wäre Moral willkürlich – Gott könnte auch Grausamkeit für gut erklären. Oder befiehlt Gott etwas, weil es gut ist? Dann existiert der Maßstab des Guten unabhängig von ihm.
Eine säkulare Ethik ist nicht automatisch perfekt. Aber sie besitzt einen entscheidenden Vorteil: Sie kann begründet, kritisiert und verbessert werden. Menschenrechte dürfen nicht davon abhängen, was ein jahrtausendealter Text über Frauen, Homosexualität, Ungläubige oder Sklaverei sagt.
Wir können aus Fehlern lernen. Ein angeblich unfehlbarer Gott kann das nicht – jedenfalls nicht, ohne dass seine menschlichen Vertreter plötzlich behaupten müssen, man habe ihn früher nur falsch verstanden.
Aber Religion tut doch auch Gutes
Ja. Religiöse Menschen pflegen Kranke, helfen Geflüchteten, begleiten Sterbende, engagieren sich gegen Armut und stellen sich Diktaturen entgegen. Religionsgemeinschaften schaffen Gemeinschaft, Musik, Kunst, Architektur und Orte der Trauer. Das will ich nicht besteiten.
Doch gute Taten beweisen keine übernatürliche Behauptung.
Wenn eine Christin einem Obdachlosen hilft, zeigt das zunächst, dass diese Christin mitfühlend handelt – nicht, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Wenn ein Muslim für Menschenrechte kämpft, beweist das seinen Mut – nicht die göttliche Herkunft des Korans.
Menschen können all diese Dinge auch ohne Religion tun. Wir können Gemeinschaft organisieren, Trauer begleiten, Bedürftigen helfen, Musik machen und moralisch handeln, ohne dafür einen unsichtbaren Weltenrichter anzunehmen.
Das Gute an Religion ist meist menschlich. Das Übernatürliche bleibt unbelegt.
Deutschland: keine Staatskirche, aber auch keine klare Trennung
Deutschland hat formal keine Staatskirche. Über Artikel 140 des Grundgesetzes gilt der Satz der Weimarer Reichsverfassung: „Es besteht keine Staatskirche.“
Damit ist die Sache aber nicht erledigt.
Das deutsche Modell ist keine strikte Trennung nach französischem Vorbild, sondern ein System der Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften. Derselbe Artikel ermöglicht öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften die Erhebung eigener Steuern. Artikel 7 erklärt den Religionsunterricht – abgesehen von bekenntnisfreien Schulen – zum ordentlichen Lehrfach. Artikel 141 ermöglicht Seelsorge in Militär, Krankenhäusern und Gefängnissen. Die Verfassung kennt außerdem besondere Körperschaftsrechte und historisch begründete Staatsleistungen. Artikel 140 GG und die übernommenen Weimarer Kirchenartikel sowie Artikel 7 GG
Hinzu kommen staatliche theologische Fakultäten, konfessionelle Einrichtungen, kirchliches Arbeitsrecht und eine institutionelle Beteiligung der Kirchen an öffentlichen Gremien.
Deutschland trennt Staat und Kirche also nicht konsequent. Es verflicht sie unter dem Begriff der Kooperation.
Warum sitzen Kirchen in Rundfunk- und Medienräten?
Rundfunkräte sollen die gesellschaftliche Vielfalt abbilden und verhindern, dass öffentlich-rechtliche Medien allein vom Staat oder von einzelnen Interessengruppen kontrolliert werden. Deshalb entsenden unter anderem Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Sport, Kultur, Sozialverbände und Religionsgemeinschaften Mitglieder.
Dass Kirchen dort vertreten sind, ist folglich nicht automatisch ein Beweis für „Staatsfunk der Kirche“. Das Problem liegt in der Auswahl und Gewichtung.
Eine Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages stellte 2021 fest, dass die evangelische und die katholische Kirche sowie jüdische Gemeinden in sämtlichen untersuchten Rundfunkräten vertreten waren. Nichtreligiöse Weltanschauungsgemeinschaften fanden dagegen nur vereinzelt Berücksichtigung – obwohl das Grundgesetz sie Religionsgesellschaften grundsätzlich gleichstellt. Die Ausarbeitung bezeichnete diese Ungleichbehandlung ausdrücklich als rechtfertigungsbedürftig. Wissenschaftliche Dienste des Bundestages: Weltanschauungsgemeinschaften im öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Eine Untersuchung der Neuen deutschen Medienmacher*innen kritisierte darüber hinaus die Dominanz etablierter Organisationen. Kirchen, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und politische Akteure verfügten häufig über mehr Sitze und Ressourcen als kleinere oder marginalisierte gesellschaftliche Gruppen. Untersuchung zur Vielfalt in Rundfunkräten
Die berechtigte Frage lautet daher nicht: Warum dürfen religiöse Menschen überhaupt in einem Rundfunkrat sitzen?
Sie lautet: Warum besitzen historisch privilegierte Kirchen garantierten institutionellen Einfluss, während Konfessionslose, kleinere Religionsgemeinschaften und andere gesellschaftliche Gruppen deutlich schwächer vertreten sind? Und warum wird der Einfluss der großen Kirchen nicht proportional zum Mitgliederschwund nach unten korrigiert?
Gesellschaftliche Vielfalt darf nicht nach einem Sitzplan aus dem vergangenen Jahrhundert organisiert werden.
Kritik am Islam ist erlaubt – Menschenfeindlichkeit nicht
Auch der Islam ist eine Religion und damit kritisierbar.
Man darf den Koran, die Hadithe, das islamische Recht, patriarchale Traditionen, religiöse Kleidungsvorschriften, Homophobie, Antisemitismus, die Bestrafung des Glaubensabfalls und islamistische Herrschaftsansprüche ablehnen. Man darf Mohammed kritisieren, Karikaturen zeichnen und erklären, dass keine religiöse Vorschrift über dem Grundgesetz steht.
Das ist Religionskritik.
Muslimfeindlichkeit beginnt dort, wo nicht mehr Aussagen und Institutionen kritisiert, sondern Menschen pauschal abgewertet werden: Muslime seien grundsätzlich undemokratisch, gefährlich, fremd oder unfähig, Teil der Gesellschaft zu sein. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt genau diese Verschiebung: Unter dem Etikett der „Islamkritik“ werden Musliminnen und Muslime zu einer homogenen Bedrohung erklärt und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. bpb: Muslimfeindlichkeit als rechtsextremes Einfallstor
Kein Muslim muss sich für einen islamistischen Terroranschlag rechtfertigen, nur weil der Täter dieselbe Religionszugehörigkeit behauptet. Ebenso wenig muss jeder Christ für Kreuzzüge, Missbrauchsskandale oder christlichen Fundamentalismus geradestehen.
Religionen sind Ideengebäude. Gläubige sind Individuen.
Warum Neonazis und die extreme Rechte den Islam zum Feind erklären
Die extreme Rechte ist religiös nicht einheitlich. Manche ihrer Anhänger geben sich christlich, andere neuheidnisch, esoterisch oder religionsfeindlich. Das „christliche Abendland“ dient ihnen häufig weniger als theologisches Bekenntnis denn als ethnisches Erkennungszeichen.
„Christlich“ bedeutet dann nicht Nächstenliebe, Barmherzigkeit oder Universalismus. Es bedeutet: Wir – die angeblich ursprünglichen Europäer – gegen die anderen.
Der Islam eignet sich dafür besonders gut, weil viele Muslime oder als muslimisch gelesene Menschen eine Einwanderungsgeschichte haben. Aus Religionskritik wird so ein Ersatzvokabular für völkische Ausgrenzung. Man spricht über „Kultur“, meint aber Abstammung. Man warnt vor „Islamisierung“, meint aber, dass bestimmte Menschen unabhängig von ihrem tatsächlichen Glauben nicht zu Deutschland gehören sollen.
Dabei instrumentalisiert die extreme Rechte sogar Frauenrechte und die Rechte queerer Menschen. Eine Untersuchung der visuellen AfD-Kommunikation zeigt, wie entsprechende Freiheitsrechte verwendet wurden, um muslimische Minderheiten als rückständig und gefährlich darzustellen – während gleichzeitig eine illiberale Geschlechter- und Familienpolitik vertreten wurde. Wieso muss das in Kopengahen untersucht werden und wieso schafft man das nicht in Deutschland? Quelle: University of Copenhagen: AfD, Anti-Islam und instrumentalisierte Frauen- und LGBT-Rechte
Plötzlich entdecken Rechte ihre Liebe zur sexuellen Selbstbestimmung – allerdings nur, solange sie damit gegen Muslime agitieren können.
Wer tatsächlich Säkularismus verteidigt, wendet für alle Religionen dieselben Regeln an. Er kritisiert islamistische Verbände ebenso wie christliche Fundamentalisten. Er lehnt eine Herrschaft der Scharia ebenso ab wie Gesetze aufgrund angeblich christlicher Werte. Er verlangt für Kirchen und Moscheen dasselbe Baurecht und für Bibel, Koran und Tora dieselbe Freiheit der Kritik.
Die extreme Rechte will dagegen meist keine Trennung von Religion und Staat. Sie will eine Hierarchie der Religionen: christliche Symbole als angebliche Tradition, muslimische Symbole als vermeintliche Invasion.
Das ist keine Aufklärung. Das ist völkische Identitätspolitik mit eigenem Kirchturm.
Wie ein wirklich säkularer Staat aussehen müsste
Ein säkularer Staat verbietet Religion nicht. Er bevorzugt sie aber auch nicht.
Er schützt das Recht, an Gott, mehrere Götter oder gar keinen Gott zu glauben. Er schützt Kirchen, Synagogen, Moscheen und humanistische Gemeinschaften vor Angriffen. Gleichzeitig schützt er Menschen davor, religiösen Regeln unterworfen zu werden.
Religionsfreiheit muss immer auch Freiheit von Religion bedeuten.
Ein wirklich neutraler Staat müsste deshalb:
- religiöse und nichtreligiöse Weltanschauungen gleich behandeln,
- historische Privilegien regelmäßig überprüfen und abbauen,
- Ethik und Religionskunde gemeinsam vermitteln, statt Kinder konfessionell zu sortieren,
- öffentliche Gremien nach heutiger gesellschaftlicher Vielfalt besetzen,
- im Arbeitsrecht für religiöse Arbeitgeber dieselben Grundrechte durchsetzen,
- politische Entscheidungen mit allgemein nachvollziehbaren Argumenten begründen,
- jede Religion kritisierbar halten und zugleich deren Anhänger vor Diskriminierung schützen.
Religion darf sich an politischen Debatten beteiligen. Aber „Gott will es“ ist in einer Demokratie kein politisches Argument. Gesetze gelten für Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen. Deshalb müssen sie mit Gründen verteidigt werden können, die nicht voraussetzen, dass alle denselben Gott, dieselbe Offenbarung oder dasselbe heilige Buch anerkennen.
Ich lehne Religion ab – und verteidige die Freiheit der Gläubigen
Ich halte religiöse Behauptungen für unbelegt. Viele davon halte ich für widersprüchlich, manche für lächerlich und einige für gefährlich. Ich lehne den Anspruch religiöser Institutionen ab, über Sexualität, Bildung, Wissenschaft, Recht und Politik bestimmen zu dürfen.
Trotzdem verteidige ich das Recht jedes Menschen, zu glauben. An welchen imaginären Freund oder Freundin auch immer er/sie/es glauben müchte.
Nicht weil ich seinen Glauben respektieren muss, sondern weil ich seine Freiheit respektiere.
Ich kann eine Moschee gegen Neonazis verteidigen und gleichzeitig den Koran kritisieren. Ich kann mich gegen Antisemitismus stellen und dennoch orthodoxe religiöse Regeln ablehnen. Ich kann Christen vor Verfolgung schützen und trotzdem die Kirche aus staatlichen Privilegien drängen.
Das ist kein Widerspruch. Das ist konsequenter Säkularismus.
Religion entstand aus sehr menschlichen Bedürfnissen: aus Angst, Hoffnung, Unwissen, Gemeinschaft und dem Wunsch, dem eigenen Dasein einen Sinn zu geben. Organisierte Religion machte daraus vielerorts ein System der Autorität. Sie spendete Trost und erzeugte Angst, schuf Gemeinschaft und grenzte aus, inspirierte Kunst und rechtfertigte Gewalt.
Wir müssen Gläubige nicht verachten, um Religion zurückzuweisen.
Wir brauchen keinen Himmel, um anständig zu handeln. Keine Hölle, um Grausamkeit abzulehnen. Kein heiliges Buch, um Menschenrechte zu begründen. Und keinen Gott, um unserem kurzen Leben selbst Bedeutung zu geben.
Eine freie Gesellschaft verbrennt weder heilige Bücher noch Menschen. Sie erlaubt, Bücher zu kritisieren, zu verspotten und zurückzuweisen – und schützt die Menschen, die an sie glauben.
Denn Menschen haben Rechte. Religionen haben Behauptungen. Und ich beteilige mich nicht an Eurem Streit darüber, wessen imaginärer Freund den Längsten hat.