Niemand will Nazi sein. Nazi-Sachen wollen manche trotzdem.

Über die Herkunft eines Wortes, den Inhalt einer mörderischen Ideologie und die erstaunliche Empfindlichkeit ihrer Anhänger

„Ich bin kein Nazi, aber …“

Kaum ein Satz kündigt so zuverlässig an, dass gleich etwas gesagt wird, das mindestens verdächtig nah an nationalsozialistischem Denken liegt. Menschen werden nach Herkunft sortiert, Minderheiten zu einer Bedrohung erklärt, demokratische Institutionen verächtlich gemacht oder die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert. Nur Nazi genannt werden möchte anschließend niemand.

Warum eigentlich nicht?

Die kurze Antwort lautet: weil jeder weiß, dass Nazis scheiße sind.

Die längere Antwort ist interessanter. Denn hinter der empörten Zurückweisung steckt häufig nicht nur persönliche Kränkung. Es geht um Geschichte, gesellschaftliche Ächtung – und um eine politische Strategie, bei der alte Ideen neue, harmloser klingende Namen bekommen.

Woher stammt das Wort „Nazi“?

„Nazi“ ist zunächst schlicht ein Kurzwort für „Nationalsozialist“ beziehungsweise „Nationalsozialistin“. So führt es auch der Duden.

Politisch verwendet wurde das Wort bereits in den frühen 1920er-Jahren. Kurt Tucholsky schrieb 1923 über „die Nazis“. Die Bezeichnung entstand vermutlich in Anlehnung an „Sozi“, die damals gebräuchliche Kurzform für Sozialisten und Sozialdemokraten.

Daneben gab es „Nazi“ im süddeutschen und österreichischen Sprachraum schon vorher als Kurz- oder Spottname für Ignaz. Das könnte dazu beigetragen haben, dass das Wort von Anfang an keinen besonders ehrwürdigen Klang hatte. Die Einzelheiten dieser sprachlichen Entwicklung sind nicht vollständig geklärt. Sicher ist jedoch: Spätestens in der Weimarer Republik bezeichnete „Nazi“ einen Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung.

Heute wird der Begriff meist abwertend gebraucht. Das ist allerdings keine nachträgliche Gemeinheit gegenüber Nationalsozialisten. Es ist die sprachliche Folge dessen, was Nationalsozialisten getan haben.

Was bedeutet Nationalsozialismus?

Nationalsozialismus war nicht einfach besonders ausgeprägter Patriotismus. Er war auch keine bloß „konservative“ Politik und keine besonders strenge Vorstellung von Recht und Ordnung.

Der Nationalsozialismus war eine extrem nationalistische, rassistische, antisemitische, imperialistische und antidemokratische Ideologie. Er teilte Menschen nicht nach ihrem Verhalten, sondern nach angeblicher „Rasse“, Herkunft und vermeintlichem Wert ein. Er stellte eine erfundene „Volksgemeinschaft“ über das einzelne Individuum und entschied, wer dazugehören durfte – und wer ausgegrenzt, entrechtet, vertrieben oder ermordet werden sollte. 

Zu seinen wesentlichen Bestandteilen gehörten:

  • die Vorstellung eines ethnisch und angeblich „rassisch“ homogenen Volkes,
  • die Einteilung von Menschen in höher- und minderwertige Gruppen,
  • radikaler Antisemitismus, heute teilweise ersetzt oder ergänzt um Islamfeindlichkeit,
  • die Ablehnung von Demokratie, Menschenrechten und politischer Gleichheit,
  • das Führerprinzip statt demokratischer Kontrolle,
  • die Unterordnung des Einzelnen unter Nation und „Volksgemeinschaft“,
  • die Verfolgung politischer Gegner,
  • die Rechtfertigung von Gewalt, Eroberung und Vernichtung.

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Die Nationalsozialisten beendeten 1933 die Weimarer Demokratie und errichteten eine Diktatur. Ihre Ideologie führte zu politischem Terror, zum Zweiten Weltkrieg und zum industriell organisierten Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Auch Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle, politische Gegner, Kriegsgefangene und viele weitere Menschen wurden verfolgt und ermordet. Einen kompakten Überblick bietet die Bundeszentrale für politische Bildung.

Sind Nazis und Faschisten dasselbe?

Die Begriffe werden im Alltag häufig gleichbedeutend verwendet. Historisch und politikwissenschaftlich gibt es jedoch einen Unterschied.

Der Faschismus ist der weitere Begriff. Ursprünglich bezeichnete er die Bewegung Benito Mussolinis, die 1922 in Italien an die Macht kam. Heute wird „Faschismus“ häufig auch als Oberbegriff für verwandte extrem rechte Bewegungen und Herrschaftssysteme verwendet.

Typische Merkmale faschistischer Bewegungen sind:

  • extremer Nationalismus,
  • die Ablehnung von Demokratie und politischer Gleichheit,
  • das Führerprinzip,
  • die Verherrlichung von Stärke, Kampf und Gewalt,
  • die Unterordnung des Einzelnen unter Nation oder Staat,
  • die Einteilung der Gesellschaft in Freund und Feind,
  • die Verfolgung politischer Gegner,
  • Propaganda, Massenmobilisierung und Personenkult.

Der Nationalsozialismus war die deutsche und besonders radikale Form des Faschismus. Zu den allgemein faschistischen Merkmalen kamen eine ausgeprägte biologistische „Rassenlehre“, radikaler Antisemitismus, die Vorstellung einer angeblich „arischen Volksgemeinschaft“ und die Idee vom zu erobernden „Lebensraum“ hinzu.

Diese Ideologie führte nicht nur zu einer Diktatur und einem Angriffskrieg, sondern zum systematisch organisierten Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden sowie zu weiteren rassistisch und politisch begründeten Massenverbrechen. Gerade dieser Vernichtungsantisemitismus gehört zum besonderen Kern des Nationalsozialismus.

Vereinfacht gesagt:

Faschismus bezeichnet eine größere Familie antidemokratischer, ultranationalistischer und autoritärer Ideologien. Der Nationalsozialismus ist eine konkrete Form dieser Ideologie – mit Rassenwahn, Antisemitismus und Vernichtungspolitik als zentralen Bestandteilen.

Deshalb ist jeder Nazi ein Faschist. Aber nicht jeder Faschist ist automatisch ein Nationalsozialist. Mussolinis italienische Faschisten waren beispielsweise keine deutschen Nationalsozialisten, obwohl ihre Diktatur ebenfalls gewalttätig, imperialistisch und menschenverachtend war. Auch über die Einordnung anderer autoritärer Regime – etwa der Franco-Diktatur in Spanien – wird in der Geschichtswissenschaft diskutiert.

Umgekehrt ist auch nicht jeder Diktator automatisch ein Faschist. Der Begriff sollte nicht einfach für jede autoritäre, brutale oder unbeliebte Politik verwendet werden. Entscheidend sind die Ideologie, das Gesellschaftsbild und die politischen Ziele.

Im alltäglichen Sprachgebrauch verschwimmen diese Unterschiede. „Faschist“ wird dabei oft allgemeiner gebraucht, während „Nazi“ eine deutlich konkretere Verbindung zum historischen Nationalsozialismus oder zu dessen heutiger Fortsetzung, dem Neonazismus, herstellt.

Wer heute Hitler und das NS-Regime verherrlicht, den Holocaust leugnet oder relativiert, eine rassistisch definierte „Volksgemeinschaft“ anstrebt oder eine Diktatur nach nationalsozialistischem Vorbild errichten möchte, ist genauer als Neonazi zu bezeichnen. Wer eine autoritäre, ultranationalistische und gewaltorientierte Ordnung anstrebt, ohne sich ausdrücklich auf den Nationalsozialismus zu beziehen, kann faschistisch sein, ohne im engeren Sinne nationalsozialistisch zu sein.

Die Grenzen sind allerdings nicht immer sauber. Politische Bewegungen können faschistische, nationalsozialistische und andere rechtsextreme Elemente miteinander verbinden. Deshalb sollte man nicht allein auf die Selbstbezeichnung achten, sondern auf konkrete Aussagen, Feindbilder, Ziele und Handlungen.

War der Nationalsozialismus sozialistisch?

Nein – jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem Sozialismus für gesellschaftliche Gleichheit, internationale Solidarität oder die politische Macht der Arbeiterinnen und Arbeiter steht.

Das Wort „sozialistisch“ im Parteinamen der NSDAP war vor allem politische Werbung. Die Nationalsozialisten wollten Arbeiter ansprechen und den damals starken sozialistischen Parteien Konkurrenz machen. Gleichzeitig hassten und verfolgten sie Sozialdemokraten, Kommunisten und unabhängige Gewerkschafter. Nach der Machtübernahme wurden Gewerkschaften zerschlagen, ihre Häuser besetzt und ihr Vermögen beschlagnahmt. Sozialisten und Kommunisten gehörten zu den ersten Gefangenen der Konzentrationslager.

An die Stelle sozialer Gleichheit setzten die Nationalsozialisten die „Volksgemeinschaft“. Solidarität sollte nur für diejenigen gelten, die nach ihrer Ideologie zum deutschen Volk gehörten. Menschen wurden nicht als gleichberechtigte Bürger betrachtet, sondern nach Herkunft, Gesundheit, politischer Haltung und angeblicher „Rasse“ bewertet.

Der Nationalsozialismus versprach soziale Zugehörigkeit – aber nur durch Ausgrenzung anderer. Sein Kern war nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit. Nicht internationale Solidarität, sondern radikaler Nationalismus. Nicht Befreiung, sondern Unterwerfung.

Warum wollen Nazis nicht Nazi genannt werden?

Weil das Wort die Geschichte gleich mitliefert.

„Nazi“ bedeutet eben nicht nur: sehr rechter Mensch. Der Begriff erinnert an Diktatur, Krieg, Verfolgung, Konzentrationslager und Massenmord. Wer als Nazi bezeichnet wird, kann seine politischen Vorstellungen nicht mehr als harmlose Sorge um „Heimat“, „Tradition“ oder „kulturelle Identität“ verkaufen.

Deshalb werden die Begriffe ausgetauscht.

Aus „Rasse“ wird „Ethnie“ oder „Kultur“. Aus der Forderung nach einem ethnisch homogenen Staat wird „Ethnopluralismus“. Aus massenhafter Vertreibung wird „Remigration“. Aus der Ablehnung gleicher Rechte wird die angebliche „Bewahrung unserer Identität“. Aus Angriffen auf demokratische Institutionen wird „Systemkritik“. Aus völkischem Nationalismus wird „gesunder Patriotismus“.

Die Wörter ändern sich. Die entscheidende Frage bleibt: Was soll mit Menschen geschehen, die nicht in das gewünschte Bild der Gesellschaft passen?

Der sogenannte Ethnopluralismus ist ein gutes Beispiel für diese sprachliche Tarnung. Er behauptet, unterschiedliche Völker und Kulturen lediglich „bewahren“ zu wollen. Praktisch läuft das Konzept jedoch darauf hinaus, Menschen nach ethnischer Zugehörigkeit zu trennen und homogene Gesellschaften herzustellen. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt es deshalb als Versuch, rassistisches Denken neu und weniger angreifbar zu begründen – häufig zusammengefasst als „Rassismus ohne Rassen“.

Die Ablehnung des Wortes „Nazi“ ist daher oft Teil einer Normalisierungsstrategie: Die Inhalte sollen gesellschaftsfähig werden, ohne dass ihre historische Herkunft sichtbar bleibt.

Die Umkehrung: Plötzlich ist der Nazi das Opfer

Wer jemanden wegen seiner Herkunft abwertet, ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht stellt oder Menschen ihre gleichen Rechte absprechen will, diskutiert anschließend häufig nicht über diese Aussagen. Stattdessen klagt er darüber, als Nazi bezeichnet worden zu sein.

So verschiebt sich das Thema.

Nicht mehr die menschenfeindliche Aussage soll das Problem sein, sondern die angeblich unfaire Reaktion darauf. Derjenige, der andere ausgrenzen will, inszeniert sich plötzlich selbst als Opfer von Ausgrenzung. Aus Kritik wird vermeintliche „Zensur“, aus Widerspruch eine angebliche „Diktatur“ und aus gesellschaftlichen Konsequenzen ein Angriff auf die Meinungsfreiheit.

Das ist praktisch. Man muss sich nicht mehr mit dem Inhalt der eigenen Aussagen beschäftigen. Man diskutiert nur noch darüber, ob das Wort „Nazi“ zu hart gewesen sei.

Ist jeder Rechte ein Nazi?

Nein.

Nicht jeder konservative Mensch ist rechtsextrem. Nicht jeder Rechtsextreme ist automatisch ein Neonazi. Und nicht jede dumme, rassistische oder autoritäre Äußerung macht einen Menschen bereits zu einem überzeugten Nationalsozialisten.

Begriffe sollten präzise verwendet werden. Wer jede unliebsame Meinung sofort „Nazi“ nennt, verwischt Unterschiede und macht die notwendige Kritik angreifbar.

Neonazis beziehen sich ausdrücklich oder inhaltlich auf den historischen Nationalsozialismus. Sie verherrlichen Hitler oder das NS-Regime, vertreten dessen zentrale Ideologie oder streben eine staatliche Ordnung nach nationalsozialistischem Vorbild an. Die Bundeszentrale für politische Bildung grenzt diesen Begriff deshalb von anderen Formen des Rechtsextremismus ab.

Aber diese notwendige Genauigkeit darf nicht zum gegenteiligen Fehler führen: Man muss nicht mit Hakenkreuzarmbinde auftreten, Hitlerbilder an die Wand hängen oder sich selbst „Nationalsozialist“ nennen, damit nationalsozialistisches Denken erkennbar wird.

Entscheidend sind nicht Kleidung, Etikett oder Selbstdarstellung. Entscheidend sind die Inhalte.

Wer Menschen nach Abstammung sortiert, ein ethnisch „reines“ Volk anstrebt, Minderheiten entrechten oder vertreiben will, die Demokratie nur akzeptiert, solange sie das gewünschte Ergebnis liefert, und politische Gewalt rechtfertigt, bewegt sich nicht zufällig in der Nähe nationalsozialistischen Denkens.

„Nazi“ ist keine magische Identität

Ein Nazi wird nicht erst dadurch zum Nazi, dass er sich selbst so bezeichnet.

Politische Begriffe funktionieren nicht wie Vereinsmitgliedschaften. Ein Rassist hört nicht auf, Rassist zu sein, weil er sagt: „Ich habe nichts gegen Ausländer.“ Ein Antisemit wird nicht zum Menschenfreund, weil er statt von Juden lieber von einer angeblichen „globalen Finanzelite“ spricht. Und nationalsozialistisches Denken wird nicht demokratisch, nur weil man es als Patriotismus, Heimatschutz oder Widerstand bezeichnet.

Natürlich muss die Bezeichnung begründet werden können. Aber die Selbstauskunft des Betroffenen ist dabei nicht wirklich das einzige Kriterium.

Man beurteilt eine Ideologie anhand ihrer Aussagen, ihrer Ziele und ihrer Folgen.

Also: Wissen Nazis, dass Nazis scheiße sind?

Im Grunde: ja.

Sie wissen zumindest, dass der Nationalsozialismus gesellschaftlich geächtet ist. Sie wissen, welche Verbrechen mit ihm verbunden sind. Und sie wissen, dass ihre Vorstellungen erheblich weniger Zustimmung erhielten, wenn sie offen als das bezeichnet würden, was sie sind.

Deshalb möchten viele die politische Idee behalten, aber den Namen loswerden.

Sie wollen Ausgrenzung, aber keinen Rassismus. Sie wollen ethnische Homogenität, aber keine „Rassenlehre“. Sie wollen Vertreibung, aber nennen sie „Remigration“. Sie wollen autoritäre Macht, aber sprechen von einem „starken Staat“. Sie verachten demokratische Institutionen, sehen sich selbst jedoch als die eigentlichen Demokraten.

Das Problem ist nicht, dass diese Menschen das Wort „Nazi“ unschön finden.

Das Problem ist, dass sie sehr genau verstanden haben, wie abschreckend der Name wirkt – und daraus vor allem eine sprachliche Konsequenz gezogen haben.

Die Ideologie wird nicht besser, wenn man ihr einen moderneren Namen gibt. Menschenfeindlichkeit wird nicht harmlos, wenn sie im Anzug auftritt. Und Nazis verschwinden nicht dadurch, dass sie empört erklären, keine Nazis zu sein.

Wirr ist das Volk. Und das letzte Mittel zur Wahrung der Demokratie ist die Militanz. Gewalt als Ultima Ratio steht in Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes (GG). Dort ist das sogenannte Widerstandsrecht verankert. Schau nach, wer's nicht glaubt.

Das bedeutet also eigentlich: Man muss Nazis schlagen, wenn man sie trifft und treffen, wenn man sie schlägt. Frei nach Art. 20 Abs. 4 GG!